Annette Streyl erregt mit ihren "Architekturtravestien" Aufsehen. In Ausstellungen wie "ein/räumen" in der Hamburger Kunsthalle, in der Ausstellung der Dix Preisträger u.a. mit T. Rehberger in Gera, demnächst im Berliner Technikmuseum "Kreuz & Quer", in Albstadt gemeinsam mit S. Polke, R. Ruthenbeck, R. Trockel, u.a. werden ihre Kunstwerke als Beispiele aktuell-konzeptuellen, plastischen Arbeitens vorgestellt.
In ihrer zweiten Einzelausstellung "besetzt - no way in" im room for contemporary sculpture setzt Annette Streyl ihre künstlerische Auseinandersetzung mit Phänomenen zeitgenössischer Architektur fort.
Als ausgebildete Steinmetzin bleibt Streyl dem Material Stein anhaltend verpflichtet. In frühen Arbeiten wird der massive, monolithe Steinkorpus ausgehöhlt und demonstriert Miniaturen moderner Architekturauswüchse, wie Tiefgaragen oder Reihenhaussiedlungen. Von einem romantisch-bildnerischen Umgang mit Hohlräumen, oder dem Spiel von Negativ- und Positivform ausgehend, entscheidet sich die Künstlerin früh für eine eher analytische Architekturthematisierung.
Die Hinterfragung gängiger Materialbedeutungen tritt in all ihren Werkgruppen auf. In ihren letzten Ausstellungen "Streyl.Immobilien" in Berlin oder "von Haus aus" in Trittau wurde durch die Gegenüberstellung von Strick und Stein ihre sehr komplexe mehrstufige Kritik deutlich. Streyls sehr freier Umgang mit Form und Material ist als Ironie gegen Architektur als Bedeutungsträger im öffentlichen Raum zu verstehen.
Mittels Strick, welches als Material unweigerlich mit Design, mit häuslicher Akribie oder Handwerkskult verbunden wird und von Künstlerinnen der achtziger Jahre wie Trockel oder Waller im Kontext der Frauenkunstbewegung verwendet wurde, setzt Streyl zur doppelten Entweihung an. Gefertigt werden die Objekte von dritter Hand und maschinell. Geschaffen werden Abbilder, die zeichenhaft auf Negation von Machtanspruch referieren und fragwürdige Repräsentation andeuten ohne sich unterwerfen zu müssen, also autonome Kunstwerke sind. Strickarchitektur zu der auch der Palast der Republik, Berlin oder AT&T, New York oder BMW, München gehören, sind im Maßstab 1:100 nachgebildete Außenansichten und werden straff auf Gerüste gespannt oder locker über Leinen geworfen. Um das Wesen von Architektur zu beschreiben, wird bisweilen gern zum sprachlichen Bild der Hülle gegriffen. Bei Streyl ist diese Metapher Wirklichkeit geworden. Ihre Gebäude sind tatsächlich leere Hüllen. Man könnte sie zusammenfalten und forttragen - eine Utopie. (Clewing , FAZ).
Kleine Steinminiaturen führen scheinbar in den Bereich des Ästhetischen und Begehrenswerten. Dargestellt sind jedoch Müllcontainer oder Briefkästen, deren Bedeutung nicht über die Funktionalität hinausgeht. Telefonzellen, Glas- oder Müllcontainer stehen dem Reichstag an Unverwechselbarkeit in nichts nach. Doch obwohl ein Stromkasten wesentliche Dinge für das Funktionieren unseres Alltags beinhaltet, wird man kaum auf der Strasse stehen bleiben um diesen zu betrachten. Seine Form ist ein allgemein gültiges wenn auch unbemerktes objekthaftes Zeichen des Nützlichen. Als Miniatur aus edlem Sandstein und massiver Körper ist er im Hinblick auf seinen eigentlichen Zweck jedoch unbrauchbar, d.h. Fetisch des Alltags sowie ein höhnischer Verweis auf rigiden Funktionalismus.
In der Ausstellung "besetzt - no way in" werden Grundfeste des modernen Lebens und urbane Symbole thematisiert, die sowohl allgemein gesellschaftliche und klassenübergreifende Phänomene sind, als auch individuelle und existentielle Relevanz haben. So koppelt Streyl Leitthemen modernen Bauens - wie Mobilität - gekonnt mit Symbolen privaten Statusstrebens und öffentlichem Geschwindigkeitswahn.
Ein grüner Stein, ein modernes Auto komfortabler Klasse darstellend, ist mit einer silbrig glänzenden Farbe beschichtet. Aus der reduzierten und klaren Form des Steinautos wird eine Ecke herausgeschnitten, die den Blick ins Innere des Autos zulässt. Zum Vorschein kommt das Paradox: roher, schwerer Stein, das negierend, was das Dargestellte zum Sinnbild moderner Technologie erhebt.
Ein schmaler, schön gekurvter Stein, glatt und ergonomisch zugespitzt, weiß gefasst mit rot und grauen, vertikalen Streifen: der ICE, durch die Hand der Künstlerin erstarrt.
An einem typisierten Wohnblock, mit Balkonen auf der Südseite und wunderbarem Raster lässt Streyl die farbige Fassung an den Fenstern aufbrechen, gestattet den Blick 'hinein' auf: den blanken Stein. Streyl benutzt das Material Stein als Bedeutungsträger, das seiner eigentlichen Funktionalität sowohl als traditioneller Baustoff als auch als klassisch, ästhetisches Kunstmaterial enthoben und damit sich selbst entgegengestellt wird. Sie blockiert dort, wo erwartet wird.
In "besetzt - no way in" werden die Materialen Strick und Stein direkt verbunden. Die schweren Objektsteine, die von Streyl an den Oberflächen getarnt sind, werden auf weichen Strick-Environments installiert und verraten so deutlich ihr wahres Wesen. Hinter plakativen, scheinbar harmlosen Objektensembles verbirgt sich sublime Kritik, effektvolle Verfremdung und spielerische Ironie.