| Die konkrete Überschreitung der klassischen Bildgrenze und damit die Verschränkung der Gattungen Malerei und Skulptur ist spätestens seit Stellas "Carved Canvases" in die Kunstgeschichte eingegangen. Die Entscheidung Objekte zum konstanten Ausgangspunkt seiner Malerei zu machen, lässt im Werk Roland Geissels die traditionell unterschiedlichen medialen Pole produktiv verschmelzen. Einen großen begehbaren Raum komplett farbig zu fassen, steht in sehr engem Bezug zu seinem bisherigen Schaffen, das im Wesentlichen die zwei Werkgruppen der Melusinen und der Handkes umfasst. |
| Anders als bei Vertretern der Hard-Edge-Malerei, wie Frank Stella, Kenneth Noland und Ellsworth Kelly, die ihre Bildstrukturen aus klar abgegrenzten, unmodulierten Farbfeldern aufbauen und die Objektformen dominieren lassen oder diesen motivischen Charakter zugestehen, versteht Geissel seine Malerei als Möglichkeit Körper durch ein malerisches Vorgehen umhüllend zu verwandeln und zu faszinierenden Objekten zu erheben. Geissel bedient sich fast ausschließlich ebener Flächen, die rechtwinklig zu einander gestellt Raum konstituieren - also die plastische Dimension real verkörpern. Er akzentuiert und komponiert die Oberfläche so, daß die sich dahinter verbergende Raumtiefe scheinbar einbezogen wird. |
| Geometrischen-mathematische Organisation und sinnlich-atmosphärische Farbtechnik sind zwei Pole, die er in seiner Arbeit überzeugend verbindet. Sein gestaltendes Vorgehen folgt im ersten Schritt einem Regelwerk der Form, das seit Mondrian in seiner zum Archetyps der Moderne gehört. Die Reduktion von Bildelementen zu einem Raster dient der Objektivierung jeglicher Assoziation und schafft Referenzen außerhalb bildlicher Bedeutungen. Roland Geissel hat in seiner Werkgruppe der Melusinen ein Gitternetz entwickelt, das der Zahl 9 entspringt. Er vergleicht dieses mit dem Alphabet, in dem es eine feststehende Anzahl der Buchstaben gibt aus einer bestimmten Syntax folgend Sprache erwächst. Auch in der Poesie und Musik sei der Ausgangspunkt ein strenge Organisation. |
| Für seine Melusinen wählt der Künstler Holzstücke, die in rechteckige Kuben verwandelt werden. Der Größe der Kuben ergibt sich für ihn aus der Korrespondenz zum menschlichen Kopf. Geissel versteht die Aufteilung des menschlichen Antlitzes als den nicht rationalen Ursprung für die Wahl seines Gitterschemas. Die räumlich, rechtwinkelig zu einander stehenden Flächen des Kubus oder des Raumes werden von einem rechteckig aufgebauten gleichmäßigen Liniengittern überzogen, die nun das gesamte Volumen des Objektes in einzelne Teilvolumen aufteilen. |
| Eine Idee dieser grundlegenden mechanischen-abstrakten Gliederung und Ordnung seiner Arbeit ist die, eine Grundlage für eine stimmige Gesamtkomposition zu legen. Die formale Festlegung gleicht einem Gesetz, in dessen Grenzen er frei und zuweilen virtuos agieren kann. Das Wesen des Künstlers Roland Geissel schließt eine konstruktive Organisation oder eine rein virtuos-motivische Artikulation aus. In seinen Handkes verlässt Geissel seine Gitterkompositionen und geht zu offenen Kompositionen in streng reduziertem grau-weiss Ton über. Er schafft malerische Aphorismen, die kühle Eleganz mit meditativer Sinnlichkeit vereinen. |
| Der entscheidende Schritt seines Schaffensprozesses ist ein Schöpfungsakt mit Farbe sowohl in ihrer materiell-haptischen Gebärde als auch durch ihre immateriellen-transzendenten Kraft. Im Arrangement seiner Objektflächen kann man ihn in der Tradition der Farbfeldmalerei von Josef Albers oder in der modularen oder seriellen Ordnung einfachster Bildelemente des Paul Lohse sehen. Doch erlaubt er sich unterschiedlich ausdrucksstarke Farboberflächen innerhalb einer Komposition zu schaffen. Es gibt Farbfelder, in denen das reine Erscheinungsvermögen der Farbe als qualitative Tonalität eine Rolle spielt. Diese werden mit Bereichen verbunden, in denen Geissels Umgang mit Farbe eher an Mark Rothko erinnert. Seine Objekte sind von einer enorm tiefen Sinnlichkeit geprägt, die er einer von ihm selbst festgelegten sprachlich-organisierten Konvention unterwirft. |
| In den Kompositionen seiner Melusinen werden in der Regel drei bis fünf Farben zu einander in Beziehung gesetzt. Sein gewähltes Raster bietet vielfältigste Variationsmöglichkeiten. Die einzelnen Farbbereiche schieben sich, wenn sie in ihrer satten Farbigkeit und deckenden Materialität verwendet werden, wie Riegel um die Kuben. Durch den Einsatz von Wachs gibt Geissel ausgewählten Sektoren seiner Komposition durchscheinende Qualität, die gleichsam illusionistischer Malerei den Blick ins Innere der kleinen Raume öffnet, transzendent sind und das Material des Objektkerns sichtbar lassen und in die Komposition einbeziehen. |
| Wendet man sich vom Gesamtbild weg eher hin zum Detail der Oberflächen der einzelnen Farbfelder, so fasziniert die delikate Materialität. Hier kann man Geissel zu mindestens in diesem einen Punkt mit seinem Lehrer Raimund Girke oder mit Robert Rymann vergleichen:" Farbe als Materie, die greifbar und sichtbar ist. Farbe nicht als Hinweis auf etwas, sondern als Vorhandenes.". Sowohl die Reduktion seiner Farbpalette auf Grau und Weiß sowie die Akzentuierung und Thematisierung unterschiedlicher Materialitäten von Farbe ist seinen Handkes immanent. Die Ausstellung deep wird von einer Raumarbeit geprägt, die gleichsam ein vergrößertes Negativ- |
| Pendant zu seinen Melusinen darstellt. Der Galeriebesucher betritt einen rundum farbig gefaßten Raum und wird so in jenen Raum hineingelassen, den er bisher beim Anblick der Melusinen von Außen imaginierte. Ein Farbnetz aus Grafitlinien gewebt und mit zarter Acryl-Pigment Mischung in den Tönen Lichtblau, Titan-Orange und Grau ausgefüllt wird über den Betrachter geworfen. Geissel wäscht die Farben in den weißen Untergrund bis eine zarte Struktur entsteht, die einem leichten durchscheinenden Schleier gleicht. Wie in seinen kleinen Bildobjekten werden durch die räumliche Anordnung der Farbfelder auch die sich dahinter in die Tiefe des Raumes erstreckenden Kuben aktiviert. |
| Der Künstler Roland Geissel schafft mit seinen Melusinen Bildobjekte, die abstrakt/konkret und gleichzeitig sehr lyrisch sind. Sie spiegeln die Welt in der Art, wie sie mehr und mehr durch digitale Medien projektziert wird. Er benutzt eine zeitgenössische Sprache, eine Sprache, die überall zu finden ist. Auf Computermonitoren sind die Dinge in Spalten und Zeilen aufgeteilt, wie die gesamte uns umgebene organisierte Realität. Seine Bildobjekte sind so aufgebaut, dass man leicht Zugang zu Ihnen finden kann, um dann in Ihren sinnlichen Bann zu geraten. |