Katrin-Bettina Müller, TIP BerlinMagazin, 18/2001
Stoffwechsel

Kleidung und Architektur: Gemeinsam bestücken sie den Zeitgeist mit Bildern der Gegenwart. Von der Architekturerwarten man, dass sie dabei über den Ausdruck des Individuellen und des Augenblicks hinaus Bestand hat. Mit dieser Erwartung des Dauerhaften und Bedeutungsvollen spielt die junge Hamburger Künstlerin Annette Streyl, die gerade mit Preisen und Stipendien für ihren Witz belohnt wird, in ihrer ersten Ausstellung in Berlin, im "room for contemporary sculpture". Dort, wo Architektur glanzvoll auftritt und durch ihre schiere Größe beeindruckt, schlägt sie mit Wolle und Strickmaschinen zu. Ihre Modelle vom Palast der Republik oder der blauen Kiste von IKEA sind im Maßstab 1:100 gestrickt und hängen auf der Leine wie nasse Wäsche. Wie die Gebäude frieren müssen, wenn sie von ihrem äußeren Schein entkleidet sind, lässt sich zur Zeit am Palast der Republik beobachten, der tatsächlich nackt und seiner Außenhaut beraubt dasteht. Annette Streyl hat auch den Reichstag stricken lassen: Die Kuppel hängt wie eine Zipfelmütze, Portale und Säulen zieren den Rand wie ein altes Handarbeitsmuster. Ein Mensch, stellt man sich vor, sähe unter diesem groben Überwurf immer ein wenig wie der Glöckner von Notre-Dame aus. Diese Transformation der stolzen Chiffren des öffentlichen Raums in einen Haufen dubioser Lumpen hat etwas von der barocken Geste, neben dem Zepter und der Königskrone mit einem Totenschläger an den weiteren Weg der Dinge erinnern.