| Ulrich Clewing, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.08.01 |
| Zwei links, zwei rechts - Bestrickend: Gebäude aus Wolle, Möbel aus Stein von Annette Streyl bei Breitengraser |
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Der Name ist trügerisch. "Streyl Immobilien", das klingt nach einem Maklerbüro, nach einer Baufirma vielleicht, jedenfalls nach einem Unternehmen, das sich mit unverrückbaren Werten befasst. Und in gewisser Weise stimmt das sogar, allerdings in einem anderen Sinn, als man vermuten würde. "Streyl Immobilien", so nennt die Hamburger Künstlerin Annette Streyl ihre erste Ausstellung in Berlin. An einer Leine hängen sie, die "Immobilien": der Reichstag, wie er sich nach dem Umbau durch Norman Foster präsentiert, mit Glaskuppel und schmutzfreier Fassade; das New Yorker AT&T-Gebäude von Philip Johnson, eine Inkunabel der Moderne; sowie, etwas merkwürdig in dieser Nachbarschaft, die Dortmunder Filiale eines großen schwedischen Möbelhauses. Sie sind auf den Maßstab eins zu hundert geschrumpft, und vor allem: sie sind gestrickt, saubere Handarbeit, aus Wolle, zwei links, zwei rechts. Es ist eine Parodie in der ursprünglichen etymologischen Bedeutung, eine Gegenrede, "bei der man sich der Worte des Vorredners bedient" - die Umkehrung der Verhältnisse um hundertachtzig Grad. Was eigentlich fest ist, ist hier schlaff und weich. Was Schutz und Behausung bietet, erregt ein mitleidiges Grinsen. Was in der Realität eine bestimmte Funktion erkennen lässt, hat in der Galerie keinen Nutzen. Annette Streyls Architektur-Travestien erinnern an eine Geisterbeschwörung, an ein archaisches Ritual, bei dem der Gegner mittels eines Stellvertreters so lange verkleinert, verniedlicht und ins Lächerliche gezogen wird, bis der Beschwörende glaubt, Macht über ihn erlangt zu haben. Die Strickobjekte wirken wie eine Art Abwehrzauber: Die steinerne Stadt, die den Menschen ihren Lebensrhythmus aufzwingt, sie bedrängt und am Wochenende in Scharen zur Sommerfrische aufs Land treibt, verliert so ihren ganzen Schrecken. Um das Wesen von Architektur zu beschreiben, wird bisweilen gern zum sprachlichen Bild der "Hülle" gegriffen. Bei Streyl ist diese Metapher Wirklichkeit geworden. Ihre Gebäude sind tatsächlich leere Hüllen. Man könnte sie zusammenfalten und forttragen - eine Utopie. Die Ausstellung in der Galerie Breitengraser ist zwar die Berlin- Premiere für Annette Streyl, ihre ersten erfolgreichen Versuche, im Kunstbetrieb auf sich aufmerksam zu machen, hat die 1968 im Westfälischen geborene Bildhauerin freilich schon hinter sich. Nach einer Lehre als Steinmetzin und Studien an den Kunsthochschulen von Münster, Kiel und Hamburg (bei Franz Erhardt Walther, bei wem sonst?) nahm sie im vergangenen Jahr an der Schau "einräumen" in der Hamburger Kunsthalle teil. Heuer zählte sie zu den Kandidaten des Geraer Otto-Dix- Preises, was ihr gleich die nächste Ausstellung an prominentem Ort garantierte. Wenn das so weitergeht, wird für sie noch viel Wolle gesponnen werden müssen. Oder Steine gehauen: Denn die Umkehrung der Verhältnisse funktioniert natürlich auch in entgegengesetzter Richtung. Was mobil ist, wird immobil, oder zumindest sehr hart und schwer. Neben den textilen Gebäuden an der Wäscheleine zeigt Streyl bei Breitengraser auch Steinskulpturen: Möbel und Anverwandtes wie Schränke, Kommoden, Briefkästen, eine Telefonzelle. Sie sehen aus wie Miniaturen, wie kleine rundplastische Kabinettstückchen, sind aber alle aus Alabaster geschlagen und von erheblichem Gewicht. Auch sie täuschen den Betrachter zumindest für einen Augenblick über ihre wahre Natur hinweg. Ihre wahre Natur, was ist das? Galerie Breitengraser - room for contemporary sculpture, Sophienstraße 34, Mitte, Mittwoch bis Samstag 15 bis 20 Uhr, noch bis zum 11. September. |