| Cosima Lutz, Die Welt, 22.08.01 |
| Die Strickliesel vom Reichstag - Absurde Modelle einer Stadt - Bei Annette Streyl sind die großen Immobilien dieses Landes aus Wolle |
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Berlin - Brave Mädchen stricken nicht. "Erst habe ich überlegt, was passiert, wenn ich ein Gebäude stricke", sagt Annette Streyl. Wolle, Nadel, Scher und Zwirn sind für Mädchen ohne Hirn. "Und dann dachte ich nach, welche Gebäude ich stricken muss, damit etwas passiert." Brave Mädchen enthalten sich der architektonischen Wertung wichtiger Bank- und Repräsentationsgebäude. Sind emanzipiert und meiden vormals weibliche Tätigkeiten. "Die Reichstagskuppel habe ich von Hand gestrickt", sagt Streyl und befühlt zart den silbergrauen Kapuzenzipfel, der vorwitzig, aber etwas schlaff aus dem beigefarbenen Strickwerk ragt, das wie der Pelz eines erlegten hohen Tieres über der Leine hängt. "Dann mache ich die Maschenprobe", funkelt sie. Erzählt, wie sie sich still hinsetzt und eine Deutschlandfahne strickt. "die ist wieder schön doof geworden", denke sie dann. Annette Streyl, Steinbildhauerin aus Hamburg, strickt die Deutsche Bank und McDonald's, den Reichstag und die Hamburger Galerie der Gegenwart, Ikea Dortmund und den Palast der Republik. Sie strickt hinein den dreifachen Bezug von Macht, Material und Markt und haut einem die im Maßstab 1:100 gefertigten Flauschobjekte mit einem keuschen Lächeln um die Ohren. Erstmals mit ihrer Kunst in Berlin zog sie die maßstabgetreuen Originale zunächst über ein Drahtgestell. Bis sie bemerkte, dass ihre weichen "Strickhäuser" noch viel lächerlicher wirken, wenn sie an der Leine baumeln. Zwei davon, Ikea Dortmund und der Berliner Reichstag, sind jetzt als "Streyl.Immobilien" in der Galerie Breitengraser zu sehen. Früher goss die 1968 in Münster Geborene kleine Parkhäuser aus Beton; vorher studierte sie Freie Kunst in Münster, brach ab und begann Ende der Achtziger eine Ausbildung zur Steinmetzin und -bildhauerin. "Das hat nicht so viel mit Kraft zu tun, wie man denkt", sagt sie, eine schlanke, fast zerbrechliche Frau. Sie liebt es "dreckig und laut", die Grobbearbeitung zieht sie dem Feinschliff vor, sonst erzählt sie nicht viel von sich. "Ich will in meiner Kunst nicht mit Privatem nerven", sagt sie. Das Private geriert sich bei ihr öffentlich, das Offizielle kommt als größerer Topflappen daher. Im Unterschied zur woll-lüstigen Häkelware Patricia Wallers, die alles, von Aliens über Innereien bis hin zum TV-Testbild zum Textil verarbeitet, im Unterschied aber auch etwa zu Sylvie Fleurys plüschig-weiblichen Verpackungen etwa einer Rakete, hinterfragen Streyls Skulpturen mit radikaler Neugierde öffentliche Räume - machen aber mindestens genau so viel Spaß. Phallische Großarchitektur, die zu überblicken vom Boden aus unmöglich ist, macht sie sich untertan, hängt Banktürme wie schlappe Jogginghosen über die Leine und stellt sie als specksteinernde Miniaturen auf ein zimmerhohes Podest, bis sie wieder unsichtbar sind. Ihr entlarvend ästhetisierender Blick brachte ihr eine Kandidatur für den Dix-Preis ein. "Machtbestrebungen, die durch Gebäude wirken sollen", erklärt Streyl, "sollen auf keinen Fall weibisch, niedlich, süß wirken, sondern einschüchtern." Bei anderen, wie der Info-Box oder Ikea, "darf dieses Bestreben nicht offensichtlich werden. Ikea geht in die Breite; in die hübsche rote Info-Box verpackt man, was danach der Potsdamer Platz sein wird: eine Ansammlung eben solcher Gebäude." Die urbanen Strickwaren von "Streyl.Immobilien" gehen in einem dreiteiligen Gesamtkonzept auf, das die kleinen Räume in der Sophienstraße in ein Minilabor verwandelt. In privaten vier Wänden, wie ausgestanzt aus einem durchschnittlichen Hamburger Vorstadt-Klinkerbau, hängen in Goldrähmchen der "Deutsche Bank"-Schrägstrich, der weißblaue geviertelte BMW-Kreis, ein Deutschlandfähnchen. Sauber gestrickt allesamt. Über den dritten Teil stolpert man beinah: Glascontainer und Litfaßsäulen aus Diabas, Doppelgaragen und Stromkästen aus Marmor. Garanten des Waren- und Informationsflusses als Zwergenstadt auf dem Boden. Der Reichstag ist nicht fern, manch ein Politiker wird die Galerie besuchen. Vielleicht linke und rechte Maschen zählen. Und eine steinerne Minilitfaßsäule kaufen - die gehen gut. Werden die Steinobjekte irgendwann in Serie gehen, von Computern gesteuert, von Maschinen behauen? "Vielleicht", sagt Annette Streyl. "Aber bisher habe ich die Dinge lieber in der Hand." Bis 11. September, Breitengraser room for contemporary sculpture, Sophienstr. 34, Mi.-Sa. 14-19 Uhr |