Stefanie Heckmann, Berliner Zeitung, 30.08.01
Gestrickte Architekturen - Zur Ausstellung "Streyl. Immobilien" in der Galerie Breitengraser

Dass Wolliges, Gestricktes nicht unbedingt etwas mit dem jahreszeitlich bedingten Wandel der Mode zu tun haben muss, macht Annette Streyl in der Galerie Breitengraser deutlich. Mitten im Raum hat sie über einem gespannten Draht große, maschinengestrickte Gebilde gehängt, die sich bei näherem Hinsehen als schlaffe Architekturmodelle zu erkennen geben.

Neben "Ikea Dortmund", wie man am Firmenlogo und der klassisch blaugelben Farbgebung erkennen kann, hängt der Deutsche Reichstag. Er ist liebevoll mit Säulen, Türmen und Fosters Kuppel aus glitzerndem Silbergarn im Detail nachgebildet. Was der hängende Zustand nicht unbedingt verrät, ist, dass die Hüllen, über ein Metallgerüst gespannt, als präzise Miniaturen im Maßstab 1:100 funktionieren. Erst in diesem raumdefinierenden Stadium entfalten Streyls Arbeiten den bizarren Reiz gestrickter Spielzeugarchitekturen. Kunstgeschichtlich oder politisch bedeutsame Gebäude wie der Reichstag oder der Palast der Republik erhalten dadurch die gleiche Wertigkeit wie ein architektonisch den Charme einer Garage verströmendes Möbelkaufhaus. Die aus ihrem historischen, funktionalen und urbanen Zusammenhang herausgelösten und verkleinert in den Kontext der Kunst transponierten Bauten werden vor allem über das Material ironisiert. Garn bildet als intime, den Körper als Fellersatz wärmende Hülle den denkbar schärfsten Kontrast zu den unflexiblen, geometrischen, auf Haltbarkeit und Widerständigkeit ausgerichteten Architekturmaterialien. Ob sich dahinter jedoch mehr verbirgt als die exzentrische und witzige Verschränkung zweier ästhetisch und inhaltlich gegensätzlicher Ebenen, sei dahingestellt.

Ergänzt wird die Ausstellung, die auf kleinstem Raum einen guten Einblick in die aktuelle Arbeit der Hamburger Künstlerin bietet, durch deren neueste Miniaturobjekte aus Stein. Ebenfalls maßstabgetreu - 1:1000 - bildet die gelernte Steinbildhauerin Alltagsobjekte wie Flaschencontainer, Telefonzellen oder Briefkästen nach, die durch die extreme Verkleinerung und den weitgehenden Verzicht auf Binnenstrukturen oft kaum mehr als solche auszumachen sind. Die gefälligen, hochglanzpolierten Sandstein-, Marmor- und Diabas-Skulpturen erinnern als Gruppe an Figuren eines Brettspiels, das in seinem genau ausgewogenen Grad der Verrätselung allzu durchschaubar ist und eher dekorativ bleibt. Die spöttische Zivilisationskritik und die Ironisierung funktionaler Alltagsgegenstände überzeugen den Besucher dieser Ausstellung am Ende doch nicht so richtig.

Galerie Breitengraser, Sophienstr. 34, bis 11. 9. Mi-Sa 15-20 Uhr.