| Almut Schröter, Neues Deutschland, 05.04.02 |
| Einfach zu schön, um wahr zu sein |
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Es grinst einem frech der Kitsch entgegen. Zehn Badetücher drohen mit totaler Schönheit in grellen Farben. Es sind die einfachsten Darstellungen erotischer Anziehungskraft zumeist blonder Frauen. So sehen sie aus, die Liebeskünstlerinnen. Da leuchten das billige Image, die Illusion, das Klischee. Man heult kurz auf, wenn jemand mit solchem Kunstwerk im wahren Leben am Strand auftaucht. Aber der antrainierte persönliche Kitschabblocker schaltet sich schnell ein und weist die schmerzende Wahrnehmung ab. In der Galerie breitengraser muss der Kitschabblocker mal kurz abgeschaltet werden. Die australische Künstlerin Louise Paramor, die bereits 1999 mit einem Stipendium in Berlin arbeitete und seither unsere Stadt als zweite Heimat betrachtet, konfrontiert und spielt in ihren Arbeiten unter dem Titel "The Love Artist" mit kitschigen Klischees. In ihrem Angriff auf die Sinne beschäftigt sie sich mit Lockmitteln in illusionäre Welten. Dorthin flüchtet sich und kuschelt sich, wer die Realität als lieblos erlebt und sich seelisch vom Glück erfundener Figuren voyeuristisch ernährt. Auf dieser Pauschaltour wird wohl mehr gereist als man glauben will. Niemand trägt so etwas zur Schau. Die Tücher dominieren den Raum. Ihnen gegenüber zieht ein Glaswürfel voller Büchlein den Blick auf sich. Es sind 450 kleine so genannte Groschenromane. Die gedruckten Fluchthelfer in die Welt der Affären im 10-mal-16-Zentimeter-Format stammen vom australischen Verlag Harlequin Miles & Boon und sollen ziemlich beliebt sein. Alle wurden wenigstens einmal gelesen. Die Künstlerin holte sie sich aus Second-Hand-Läden. Sie arbeitet bei ihren Täuschungsmanövern grundsätzlich mit billigem Material. Paare oder Frauen, selten Männer zieren die Deckblätter der obersten Exemplare. Das Schönheitsideal harmoniert mit dem der Badetücher. Von der Seite sind die gestapelten Titel zu lesen. "The Love Artist" ist dabei. Man könnte etwas über einen Liebhaber einer Tante erfahren, über Indiskretionen oder den letzten Garten Eden, kommt aber nicht ran. In der dritten Phase zeigt Louise Paramor Fotos von Freunden und Bekannten. Sie bat Paare oder Familien, sich gemeinsam fotografieren zu lassen, und verkitschte digital die Bilder. So schnell hätten sich die Betroffenen sicher auch nicht vorstellen können, in die heile Welt der Illusionen befördert und zum Idealbild gemacht zu werden. Nur gut, dass es einen im Alltag nicht so heftig überfällt. Aua, was war das denn? Auf dem Weg zur S-Bahn durch die Hackeschen Höfe blinkt im Schaufenster einer Boutique ein weißer Slip mit schwarzem Berliner Bär auf dem Zwickel. Der Kitschabblocker ist noch deaktiviert. Einschalten, sofort wieder einschalten! Bis 3.5., Mi.-Sa. 15-19 Uhr, breitengraser, Sophienstraße 34, Mitte |