| Ingeborg Ruthe, Berliner Zeitung, 31.12.2002 |
| Das gestauchte Haus |
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Friedemann Grieshabers "public vision" in der Galerie Breitengraser Das Verhältnis von Skulptur und Architektur ist von alters her zwar ein verwandtschaftliches, keinesfalls aber ein spannungsfreies. Sind tragende Elemente, Torbögen und Säulen als Skulpturen geformt, gelten sie als Teil der Architektur. Wurden sie den Gebäuden nachträglich zugeordnet, spricht man von Kunst am Bau, aber nicht immer sind es auch glückliche Verbindungen. Dieses Spannungsverhältnis beschäftigt die Gegenwartskunst seit den 60er-Jahren. Der Norditaliener Mario Merz, Protagonist der Arte-povera-Bewegung etwa, baute mit seinen zahlreichen, inzwischen in den Kunstmuseen der Welt inflationär vertretenen Iglus ein skulpturales Architekturmodell: Die Skulptur wurde sozusagen begehbar oder wenn man will, bewohnbar. Friedemann Grieshaber aus Ravensburg im Württembergischen - er studierte in Stuttgart bei Micha Ullman und war bis 1998 Meisterschüler an der Universität der Künste Berlin bei Lothar Fischer - dreht den Spieß um: Grieshaber formt architektonische Skulpturen. Raum und Körper, Figuration und Architektur bilden bei ihm eine Synthese, zugleich ein eigenwilliges bildhauerisches Programm, wie es jetzt in der Galerie Breitengraser in der Ausstellung "public visions" lesbar wird. Die auf Sockeln im Raum verteilten oder im Hof der Galerie platzierten Arbeiten des 34-Jährigen sind plastische Gebilde aus architektonischem Formenvokabular - mit Sockel, Wand und Dach. Unübersehbar aber nähern sich diese "Bauten" dem Figurativen an, denn beim Anblick der Sockel denkt man unweigerlich an einen menschlichen Fuß und beim Dach an einen Kopf. Trotzdem versteht Grieshaber seine Haus-Hof-Konfigurationen, die Stelen, Torsi und Reliefs aus Betonguss, Eisen und Bronze nicht als Abstraktionen des Figürlichen. Ihm geht es um plastische Modelle, deren Körperlichkeit lediglich ins Figurative hinüberspielt, ohne eine endgültige Transformation zu erreichen. Die Elemente dieses Bildhauers - Kuben und Quader - stammen zwar aus dem Reich der Minimalisten, doch ist das Exakte der geometrischen Basisformen außer Kraft gesetzt, denn Grieshaber staucht, streckt, quetscht und drückt die dem Betonguss vorausgehenden Tonformen. Das Ergebnis sind Vertiefungen, Unebenheiten, Durchbrüche und Löcher, an manchen Stellen erhalten die "Hausformen" gar kleine Balkons oder Erker. Er arbeite, beschreibt Grieshaber seine verfremdende Methode, eher wie ein Schmied denn wie ein klassischer Plastiker. |