Veit Stiller, Die Welt, 11.04.03
Kunst braucht das ganz private Gefühl

Andrea Breitengraser bietet Raum für zeitgenössische Skulpturen - "Berlin ist einzigartig"

"Es gibt so viele Leute Mitte Dreißig, die noch nie daran gedacht haben, Kunst zu kaufen, obwohl sie Kunst generell spannend finden. Ich glaube immer noch, ich muss mir meine Sammler erst heranerziehen", sagt Andrea Breitengraser. Sie ist eine der jungen Galeristinnen Berlins. Und das ist wörtlich gemeint, denn jene, die vor zehn oder fünfzehn Jahren als junge Galeristen den starren Kunstmarkt aufbrachen, sind inzwischen, auch wenn sie noch "Junge Kunst" für sich in Anspruch nehmen, längst arriviert und ihre Künstler ebenso. Um die Jahrtausendwende ist eine neue Generation angetreten.

Der Weg von Andrea Breitengraser zur Galeristin war alles andere als vorgezeichnet. "Ich bin hier aufgewachsen, im Kiez, sozusagen, mit Blick auf die Museumsinsel. In den 1980er Jahren bin ich nach Westberlin rüber und habe an der TU Kunstwissenschaft studiert, später dann in Chicago. Dort habe ich im Art Institute, das mit den Löwen davor, nebenher gearbeitet. Im Department of European Decorative Art and Sculptures." Breitengraser: "Das Spannendste war für mich, allein in den Archiven stöbern zu können."

Während eines Praktikums am Art Institute war sie an der Vorbereitung einer Ausstellung über Meißner Porzellan beteiligt. "Diese Arbeit war für mich entscheidend. Galeristin zu werden stand nicht zur Debatte. Ich wollte in ein Museum und mit Skulpturen arbeiten. Aber in Amerika ist das alles anders. Das Studium war viel praxisorientierter, wir mussten fiktive Ausstellungen konzipieren, von kunsthistorischem Hintergrund über den genauen Plan der Präsentation bis zur kompletten Finanzierung. Die Museumsarbeit war viel lebendiger als damals in Deutschland. Das Museum wurde - neben öffentlicher Förderung - vor allem durch großzügige Spenden wohlhabender Kunstsammler getragen. Und die mussten wir Kuratoren von der Notwendigkeit der Ausstellung überzeugen."

Am liebsten wäre sie in Amerika geblieben, dem Reiz folgend, sich um alles selbst kümmern zu müssen und immer weiter dazu lernen zu können. Nach dem Studium versuchte sie sich ab 1997 in Leipzig als Kunstjournalistin, verfasste wissenschaftliche Features, verdingte sich als Redaktions-Assistentin und begriff: das ist nicht ihr Weg. Sie ging 1998 in die USA zurück, fing in New York bei der Agentur "Media and Production" an. "Ich war da eine Art Informations-Broker für Medien in Deutschland: Recherchen für Agenturen, VIP-Anfragen und so. Das war spannend, ging mir aber viel zu weit von der Bildenden Kunst weg. Da bin ich zu "Artnet.com', einer Internet-Kunstagentur. Das war aber nicht die erhoffte große Zukunft beschieden. Ist ja auch klar: Kunst braucht das ganz private Gefühl, der Kontakt zum Original darf nie fehlen."

Und dann ging sie doch zurück nach Deutschland. "Na ja", gesteht sie verlegen, "ein Versuch, meine große Liebe zu retten." Andrea Breitengraser kam nach Berlin: "Da passierte damals gerade so viel. Diese Stadt ist einzigartig. Wenn man für eine Idee kämpft, schafft man's auch. Das wusste ich schon immer, in Amerika habe ich es erlebt, und in Berlin geht das auch." Aber zunächst musste sie sich wieder mit Theoretischem plagen, bis sie 1999 die Idee hatte, eine eigene Galerie zu eröffnen. Anfang 2000 war es dann soweit. "Aus dem Traum, im Museum Skulpturen zu kuratieren, ist realiter meine Galerie geworden, der "room for contemprorary sculptures'. Die Galerie ist ja nicht nur Handelsort, sondern auch Ausstellungsraum. Neben dem Markt gibt es auch einen Bildungsauftrag. Man muss keinen Eintritt zahlen, die Kunst ist für Jedermann zugänglich, Sammler, Kunstkritiker und Laien gleichermaßen."

An ihrer Arbeit fasziniert sie die Tatsache, dass sie ständig direkte Kontakte aufbauen und pflegen kann, sowohl zu Künstlern als auch zu Besuchern: "Viele staunen, haben keine Vorstellung, wie ein Kunstwerk funktioniert. Da darf man nicht reinreden. Kunsthandel ist ein stilles Geschäft, man muss ssehr genau sein und trotzdem direkt verhandeln." Das ist in der Tat ein wichtiger und interessanter Aspekt: Kunst nicht nur als Erwerb von gewinnträchtigen Namen und krisenstabilen Werten, sondern als Entdeckungsreise, die in geistigen und emotionalen Eroberungen gipfeln kann und damit Basis für Kommunikation wird."Das ist Idealismus, aber wie arm wäre die Welt ohne diesen - und wieviele berühmte Galeristen haben aus eben diesem Ansatz heraus ihren Weg begonnen? Auf das Publikum zuzugehen ist aber nur eine Seite. Genauso wichtig ist es, mit den Künstlern mitzugehen."

Nachdem Andrea Breitengraser so leidenschaftlich über Intentionen und Verantwortung gesprochen hat, wird sie pragmatisch: "Man wird als Galerie nicht mit der ersten Ausstellung wahrgenommen, die Besucher erkennen erst allmählich von Ausstellung zu Ausstellung das Programm oder Profil der Galerie." Die wichtigsten Eigenschaften für diese Branche sind Beharrlichkeit und Unbeirrbarkeit, denn jede Sensibilität bedarf der Unsensibilität gegen alles andere. Als alle ihr von einer Skulpturen-Galerie abrieten, weil damit kein Geld zu machen sei, prallte das an ihr ab: "Wach geworden bin ich im Studium: Skulpturen sind in öffentlichen Sammlungen meistens unterrepräsentiert. Bilder sind bequem, man kann sie passiv betrachten, einfach transportieren und hängen, bequem ins Depot stapeln. Skulpturen fordern Aktivität. Ihre Räumlichkeit zwingt zum Betrachten und Berühren, zum um sie herum Gehen, Licht und Schatten zu erleben. Das gilt für klassisch traditionelle Skulpturen wie für die in Neuen Medien."

Inzwischen war Andrea Breitengraser, die u.a. Friedemann Grieshaber und Ev Pommer, Annette Streyl, die Australierin Louise Paramor, den Schotten Keith Thompson, den Schweizer Hubert Dechant und den Ukrainer "akuvido" (Victor Dovgalyuk) vertritt, schon auf der Kunstmesse in Frankfurt/Main, ist mit dem Erfolg zufrieden und wurde wieder eingeladen. Und ganz nebenbei ist sie, die vorwiegend junge Künstler präsentiert, auch Jury-Mitglied in mehreren Stipendien vergebenden Gremien. "Das ist spannend. Man hat immer das Gefühl, die Bewerber sind nicht fertig, sondern noch im Werden. Das ist die Generation, die nicht auf gemachte Betten hofft."