Edmund Piper, KONDENSAT berlin art info Nr. 30, April 04
Nezaket Ekici - Pullern bei Frau Breitengraser

1970 in Kirsehir geboren. Später, 2001, in Braunschweig studiert. Abgeschlossen als Meisterschülerin von Marina Abramovic, der Abramovic, der Grande Dame der performativen Bilderweckung. Nezaket Ekici, ein Name, den man sich merken sollte.

Denn gerade vor ihrem Hintergrund als Abramovic-Schülerin ist es bemerkenswert, dass Ekici es versteht, sich aus d
er inspirierenden Umarmung der Alt-Meisterin zu lösen und sich einen ganz eigenen Ausdruck zu erarbeiten. Sie gehört also nicht zu den unzähligen Performern, die noch immer unter dem »Abramovic-Syndrom« leiden: die in ihrer Arbeit über einen flachen Abklatsch des Ansatzes ihrer Professorin nicht hinauszuwachsen verstehen. Denn Ekici ist stark. Und sie hat verstanden: Performance kann weit mehr, als über die rauhe und zuweilen unbarmherzige Arbeit am eigenen Körper Effekte zu haschen. Sie kann, wenn charismatisch und konsequent gezeigt, Bilder konstruieren, die das zeitliche Korsett der begrentzten Darbietung zu sprengen vermögen. Die sich nämlich nicht nur im Hirn, sondern auch im Gefühl festsetzen. So gesehen kann man also an einer guten Performance ebenso lange knabbern wie an jedem anderen zeitlosen Werk. Kann sich daran in Gefühlen erinnern wie an einen Duft aus Kindertagen...

Konkret: Ekicis Themen sind vielfältig in unterschiedlichsten inhaltlichen wie formalen Bedeutungsebenen vernetzt. Identität, Frauenrolle, die Liebe zu den Menschen und persönliche Grenzen auf der einen, Zeit, Form und Struktur auf der anderen Seite, diametral in einander verwoben. So hinterfragt sie auch in ihrer aktuellen Ausstellung, in der Galerie Breitengraser, noch immer bestehende Klischees von Frauenbildern. Dabei hält sie ihre Persönlichkeit nicht heraus und thematisiert auch die unterschiedlichen Bilder von Orient und Okzident. Visualisiert muss man sich das in etwa so vorstellen: Eine mehr oder minder nackte Muslimin, in aller Öffentlichkeit, auf erhaben weissem Sockel, aus einem mit Wasser gefüllten Urinbeutelkleid pinkelnd, wie eine Springbrunnen-Skulptur westlicher Klassik. Das alles geschieht im extra für die Performance blau getünchten Raum der Galerie, der an eine Blue Box erinnert. Wie um klar zumachen, dass diese Performance-Skulptur auch ortsunabhängig funktioniert. Und das tut sie. Nicht ohne körperliche Anstrengung, na klar, aber wie immer bei Nezaket Ikici auch anmutig und voll Poesie, getränkt in bittersüße Ironie.

Deshalb wünschen wir ihr alles Gute. Und ihrer jungen Galeristin, Andrea Breitengraser, einen herzlichen Glückwunsch zu dieser mutigen Erweiterung des Programms ihrer Galerie ‘Breitengraser - room for contemporary art and sculpture’ Und: dass ihre Courage auch belohnt wird. Spätestens zur nahenden Kunstmesse in Frankfurt, auf welcher sie Ekici erstmals empfehlen wird.