Veit Stiller, DIE WELT, 17.09.2004
Messe im "Dreiländereck"
Mit der Berliner Liste stellt sich die "Messe für aktuelle Kunst" vor

In Berlin ist die Kunst los. Die Nationalgalerie zeigt die MoMA-Schau im Endspurt rund um die Uhr und auf dem Messegelände öffnet das Art Forum seine Pforten. Daneben macht eine zweite Kunst-Messe den ersten Schritt, die "Berliner Liste", nach Baseler Muster.

Versammelt sind da, im "Dreiländereck" Wedding, Prenzlauer Berg und Mitte, 41 Galerien aus Deutschland, Österreich, Frankreich, Belgien, Skandinavien, der Schweiz und den USA in einer einstigen Schule, die künftig Atelierhaus sein wird. Initiator der Berliner Liste ist Wolfram Völcker. "Die Idee ist, eine kleine Messe mit niedrigen Spesen in einer für Berlin typischen Lokalität zu präsentieren, als Ergänzung zum Art Forum."

Der wache Betrachter wittert sofort eine Parallele zum Art Forum selbst, das einst von einigen Art-Cologne-Rebellen aus der Taufe gehoben wurde, die auf dieser international arrivierten Kunstmesse demonstrativ ausgezogen waren. Aber Völcker weist das zurück und Jette Rudolph (Galerie Jette Rudolph und Jury-Mitglied) wird noch deutlicher: "Wir sind absolut gegen Konfrontation mit dem Art Forum! Wir wollen ergänzen und jungen Galerien Gelegenheit geben, sich vorzustellen. Der Solidaritätsgedanke funktioniert wieder: Lasst uns gemeinsam was machen. Die Jury hat, nach Sondierung, alle Galerien persönlich eingeladen."

Die Idee zu solcher Art Messe hatte Völcker im Mai dieses Jahres. "Ich habe mich mit Kollegen beraten, Jette Rudolph, Kristian Jarmuschek (Jarmuschek und Partner), Rüdiger Lange (loop - raum für aktuelle kunst) und andere. Wir haben dann fabuliert, schließlich ein Konzept entwickelt und dann gings los." Auch die Wahl des Ortes war ein Vorschlag Völckers: er wusste, dass die Schule leer steht und bald Atelierhaus der Künstlergemeinschaft Milchhof sein wird - für eine Zwischennutzung also eine nahezu ideale Örtlichkeit.

Jedes Klassenzimmer ist eine Koje, jede Galerie kann ihre eigene Aura entfalten und doch ist alles zusammen. Man steigt in einem Bau der Kaiserzeit treppauf, treppab und das Flair ist ein Mix aus Schauhaus und Akademie. Und das umso mehr, als auch die Aussteller eine gelungene Mixtur sind: Einige sind schon rund um den Globus Messe erfahren, andere haben hier ihren ersten Auftritt, wie die Dresdener Art Academy von Stefan Franz Maier. Völcker: "Die Parallelität zum Art Forum ist gewollt. Messen verselbständigen sich, aber wir sind kein Auszug der jungen Wilden, wir wollen mit bezahlbaren Kojen jungen Galerien ein Podium bieten. Auswahl-Kriterium war, dass die Arbeiten die Jury überzeugen und ganz neu sein mussten."

So weht durch das alte Gemäuer ein Hauch von junger Kraft und frischem Elan. Und Spökenkiekern sei ins Handbuch geschrieben: die Berliner Liste ist keine Messe zweiter Wahl - im Gegenteil! Hier offenbart sich, wie junge Künstler (gestandene auch) die Wirren und Tendenzen unserer Tage wahrnehmen und reflektieren, lassen sich Tendenzen ahnen oder zumindest vermuten. Und für manche Galeristen und Künstler kann die Berliner Liste das Sprungbrett sein. Das ist die einzigartige Chance dieser kleinen Messe neben der großen. Übrigens machen beide Messen gegenseitig für sich Werbung.

Einige der Werke sind speziell für die entsprechenden Räume entwickelt worden. Andrea Breitengraser zeigt zum Beispiel in einem Raum, der wohl einst Essenausgabe als "one-woman-show" von Joulia Strauss, die in den Fliesen an der Wand eine Analogie zu Pixeln sieht, ein interaktives Spiel als Kunstobjekt, in dem ein Schwan die Hauptrolle spielt - Wagner lässt grüßen.

Neben diesem philosophischen Medien-Spiel sind auch Auseinandersetzungen mit 9-11 zu sehen und Anspielungen auf die Kindersoldaten in Afrika bekommen durch die Räume und die jüngsten Ereignisse im Kaukasus einen beklemmenden Doppelsinn. Aber natürlich wird auch geträumt und fantasiert, der Schönheit und der Perfektion gehuldigt.

Markus Deschler, der im Vorstand des Landesverbandes aktiv ist, meint: "Viele der Galerien hier würden durchaus für das Art Forum taugen. Aber es geht um das Berlin-Feeling, um die Vielfältigkeit der Stadt und das künstlerische Potenzial hier. Es ist eine Symbiose unterschiedlicher Aktivitäten, die der Stadt hilft. Und es ist auch ein Anreiz für junge Sammler."

Schwedter Straße 232; bis 20. 09. täglich 14-22 Uhr, 21. 09. 14-18 Uhr.