Manuela Lindt, Neues Deutschland, 13./14.11.99
Rauhe Körper wollen gefasst werden - Grieshabers Skulpturen in der Sophienstraße

Der Name der äußerlich unscheinbaren neuen Ladengalerie in der Sophienstraße in Mitte ist Programm: Raum für zeitgenössische Skulptur und Plastik nennt ihn Andrea Breitengraser. Jungen Berliner Bildhauern soll ein Forum bieten.

Auftakt sind Arbeiten des 1968 in Ravensburg geborenen Bildhauer Friedemann Grieshaber. Als Kunststudent der Stuttgarter Akademie und der Kunsthochschule Weißensee wechselte Grieshaber 1994 in der Bildhauerklasse von Professor Lothar Fischer an die Hochschule der Künste. 1998 studierte er als Meisterschüler bei Rebecca Horn. Die plastischen Arbeiten von Friedemann Grieshaber, der als freischaffender Künstler in Pankow lebt und arbeitet, zeigen eine durchaus eigene und sehr eigenwillige Handschrift. Grieshaber arbeitet bevorzugt mit einem "unedlen" Material. Er formt an Architektur erinnernde Fragmente und Stelen, die im Gussverfahren nach Gipsmodellen aus grauem Beton gegossen werden. Das verleiht den Skulpturen eine spezifische, teilweise grobe Oberflächestruktur. Poröse Stellen, Hohlräume und Abschürfungen beleben die "Außenhaut" der Skulpturen und reizen zum Anfassen. Zugleich begreift Grieshaber die an Baukörper erinnernde Kleinplastiken und die Stelen als reine Körpermassen, die ihn zu einem forschenden Spiel mit Positiv- und Negativformen anregen. Teile, die aus den Wänden eines Baukörpers herausgeschnitten wurden, tauchen als freistehende dreidimensionale Körper wieder auf. Durch das Aufbrechen von Konturen und das Öffnen von Körpern hinterfragt der Künstler die Funktion der vertrauten urbanen Gebilde. Der Umgang mit Formen und Volumen ist jedoch nicht rein spielerisch. Vielmehr geht es Grieshaber darum, grundlegende Gesetzmäßigkeiten der Skulptur nachzuspüren und die Wechselwirkung von Körper und Raum zu erforschen. Dabei beschreitet er mit seinen kleinformatigen Betongüssen einen Grenzweg zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion.